Am 07. und 08. Juli fand in Puerto Iguazu, Argentinien,
ein Gipfeltreffen des MERCOSUR statt. Teilnehmer waren nicht nur die
Präsidenten der vier Mitgliedsstaaten Argentinien, Brasilien, Paraguay
und Uruguay sowie der drei assoziierten Staaten Bolivien, Chile und
Peru.
Gekommen waren vielmehr auch die Präsidenten Venezuelas und Mexiko,
denn mit Venezuela sollte ein Assoziierungsabkommen unterschrieben werden
und mit Mexiko sollten die Verhandlungen über eine künftige
Assoziierung zum MERCOSUR aufgenommen werden. Doch nicht dieses zukunftsweisende
Projekt einer substantiellen Erweiterung des MERCOSUR oder andere wichtige
Vereinbarungen markierten das Treffen und die Aufmerksamkeit der Beobachter,
sondern der Streit um neue Handelsbarrieren zwischen Argentinien und
Brasilien
Der MERCOSUR lebt in einem ständigen Wechselbad der Gefühle.
Auf Momente der Zufriedenheit über Fortschritte des Integrationsprozesses
und euphorischer Erwartungen hinsichtlich weiterer Schritte zur Konsolidierung
und Erweiterung des Integrationsprozesses folgen immer wieder kleinere
oder größere Streitigkeiten, die bei vielen Akteuren Frustration
und Depression über den Zustand und die Zukunft des Integrationsprojektes
auslösen.
Nachdem im Dezember vergangenen Jahres wichtige Schritte zur institutionellen
Konsolidierung des Integrationsbündnisses vereinbart worden waren,
sollte auf dem Gipfeltreffen in Puerto Iguazu eine breite Agenda verhandelt
und verabschiedet werden, die nicht nur die interne Zusammenarbeit weiter
fördern, sondern den MERCOSUR als regionalen und internationalen
Akteur stärken sollte. Auf der Tagesordnung standen:
* die Einrichtung eines dauerhaften Schiedsgerichts mit Sitz in Asunción,
Paraguay,
* der Antrag Mexikos, dem MERCOSUR als assoziiertes Mitglied beizutreten,
* die Unterzeichnung eines Rahmenvertrages zur Aufnahme von Verhandlungen
mit Ägypten über Handelspräferenzen,
* eine Vereinbarung über die Freizügigkeit des Personenverkehrs
innerhalb des MERCOSUR,
* Abstimmungen hinsichtlich der Verhandlungen eines Handelsabkommens
mit Indien und Südafrika,
* Vorabsprachen über die eventuelle Aufnahme von Verhandlungen
über ein Handelsabkommen mit China und Japan,
* Absprachen im Hinblick auf die abschließende Etappe der Verhandlungen
über ein Abkommen mit der Andengemeinschaft,
* Gespräche über einen argentinischen Vorschlag, Mechanismen
zur "Anpassung des Handels" innerhalb des MERCOSUR zu vereinbaren,
um eine "Invasion" von Produkten aus einem der Mitgliedsländer
zu verhindern,
* Gespräche über den Fortschritt der Verhandlungen des Assoziierungsabkommens
mit der Europäischen Union,
* Gespräche über eine Liberalisierung des Handels mit Dienstleistungen
innerhalb des MERCOSUR.
Besonderes Gewicht erhielt das Gipfeltreffen durch die Anwesenheit der
Präsidenten der bereits mit dem MERCOSUR assoziierten Länder
Chile, Bolivien und Peru, des Präsidenten Venezuelas und insbesondere
durch die Teilnahme des mexikanischen Präsidenten Vicente Fox,
der den Antrag seines Landes auf eine Assoziierung mit dem MERCOSUR
vertrat. Zudem waren auch der Außenminister und weitere Kabinettsmitglieder
Kolumbiens anwesend sowie Vertreter Ägyptens und Japans. Allein
die Anwesenheit von neun Präsidenten unterstrich die politische
Bedeutung des MERCOSUR in und für Lateinamerika. Der brasilianische
Präsident Lula da Silva übernahm turnusgemäß von
seinem argentinischen Kollegen Kirchner für das kommende halbe
Jahr die Präsidentschaft des Integrationsbündnisses.
Die anspruchsvolle Agenda wurde zwar verhandelt und zu den einzelnen
Punkten wurden die vorbereiteten Entscheidungen getroffen. Dabei erwies
sich naturgemäß der Assoziierungsantrag Mexikos als ein kompliziertes
Unterfangen; denn Mexiko ist bereits Mitglied der Nordamerikanischen
Freihandelszone (NAFTA) und es wird in der Praxis schwierig sein, die
Termini für eine Kompatibilität der Zugehörigkeit Mexikos
zur NAFTA und seiner Assoziierung mit dem MERCOSUR zu finden. Auch wenn
dem Wunsch Mexikos generell entsprochen wurde, ist mit langwierigen
Verhandlungen zu rechnen, ehe eine Assoziierung tatsächlich vereinbart
wird. Das politische Signal des mexikanischen Antrages ist für
den MERCOSUR einerseits zwar außerordentlich wichtig, weil es
die Bedeutung und Attraktivität der Gemeinschaft unterstreicht
(wobei man jedoch auch nicht übersehen sollte, dass Mexiko insbesondere
an einem erleichterten Zugang auf den brasilianischen Markt interessiert
ist). Andererseits muss man jedoch vor einer übereilten Erweiterung
noch erhebliche Anstrengungen in die Konsolidierung der Gemeinschaft
investieren, damit sie überhaupt zur Integration weiterer Mitglieder
in der Lage ist. Dass es in dieser Hinsicht noch gravierende Probleme
gibt, belegt der jüngste Handelsstreit zwischen Argentinien und
Brasilien.
«Krieg der Kühlschränke»
Überschattet war das MERCOSUR-Gipfeltreffen in Puerto Iguazu von
einem neuerlichen Handelsstreit zwischen Argentinien und Brasilien,
der die übrigen Tagesordnungspunkte in den Hintergrund drängte.
Eine Woche vor dem Gipfeltreffen hatte der argentinische Präsident
Kirchner überraschenderweise Handelsbarrieren gegen den Import
brasilianischer Haushaltsgeräte angekündigt. Einen Tag vor
dem Gipfel drohte er damit, die Barrieren auch auf den Import brasilianischer
Textilwaren zu erweitern. Und kurz vor seiner Ankunft in Puerto Iguazu
erklärte er «Der MERCOSUR muss dazu nützen, dass sich
die Industrien gleichmäßig entwickeln und nicht, dass ein
Land allein davon profitiert. Wenn nicht, nutzt er nichts».
Auf brasilianischer Seite haben die Ankündigung der Handelsbarrieren
und die Verlautbarungen von Kirchner große Irritationen hervorgerufen.
In Wirtschaftskreisen und den Medien äußerte sich zum Teil
scharfe Kritik; schon wurde vom «Handelskrieg» gesprochen
und grundsätzlicher Zweifel am MERCOSUR geäußert. Seitens
der Regierung allerdings wurden kritische Äußerungen vermieden
und man wartete auf die Begegnung in Iguazu, um dort die Wogen zu glätten
und eine für beide Seiten gangbare Vereinbarung zu treffen.
Anlass für die argentinische Ankündigung waren einige ungünstige
konjunkturelle Entwicklungen, aber auch strukturelle Probleme innerhalb
des MERCOSUR. Nach einer Zeit des Handelsüberschusses mit Brasilien
erlebte Argentinien in den letzten Monaten einen Überschuss von
Importen aus dem Nachbarland. Ursache dafür sind die wirtschaftliche
Erholung in Argentinien, die die Nachfrage nach Importen belebte, sowie
die lahmende Wirtschaft in Brasilien, die die Nachfrage nach argentinischen
Produkten drückte; zudem gibt es in Brasilien einige exportfördernde
steuerliche und finanzielle Anreize, die die Ausfuhren u.a. nach Argentinien
begünstigten. Mit zunehmender Erholung der brasilianischen Wirtschaft
werden diese konjunkturellen Elemente für das Handelsungleichgewicht
zwischen den Nachbarn wieder an Bedeutung verlieren. Die strukturellen
Probleme hängen damit zusammen, dass die argentinische Industrie
noch nicht genügend wettbewerbsfähig ist.
In intensiven Gesprächen brasilianischer Kabinettsmitglieder mit
dem argentinischen Wirtschaftsminister Lavagna wurde schließlich
in Puerto Iguazu eine Aussetzung der angekündigten Handelsbarrieren
vereinbart. Innerhalb vereinbarter Fristen wollen beide Regierungen
und Vertreter der Wirtschaft beider Länder einvernehmliche Lösungen
finden, die wahrscheinlich auf einige Restriktionen hinauslaufen, die
sich die brasilianische Industrie auferlegt, um die Exporte nach Argentinien
zu bremsen. Vorerst ist damit der neuerliche Konflikt innerhalb des
MERCOSUR gelöst.
Trotz des Bemühens um eine Streitschlichtung war das Klima auf
dem Gipfeltreffen ausgesprochen unterkühlt. Bezeichnenderweise
wurde der Handelskonflikt als «Krieg der Kühlschränke»
bezeichnet. Von diesen eisigen Gesprächstemperaturen waren auch
die übrigen Gipfelteilnehmer betroffen. Vor allem zwischen den
Delegationen aus Uruguay und Brasilien gab es heftige beiderseitige
Anschuldigungen; während die Brasilianer die uruguayischen Vorbehalte
bei einigen Verhandlungsgegenständen kritisierten, monierten die
Uruguayer, dass Brasilien weniger an einer Wirtschaftsintegration interessiert
sei, sondern den MERCOSUR nur für die Durchsetzung seines politischen
Führungsanspruchs in der Region missbrauche. Das argentinische
Präsidialamt veröffentlichte keine Fotos, auf denen Präsident
Kirchner zusammen mit Präsident Lula zu sehen war – auch
das ein Hinweis für die unterkühlte Begegnung.
Wer sich noch daran erinnert, wie herzlich sich beide Präsidenten
vor Jahresfrist begegneten und welche Erwartungen sie im Hinblick auf
die Zukunft des MERCOSUR weckten, mag von den jetzigen Umgangsformen
überrascht sein. Allerdings wissen beide Präsidenten, ihre
Regierungen und die maßgeblichen Repräsentanten aus Politik
und Gesellschaft beider Länder, dass es letztlich zum MERCOSUR
keine Alternative gibt. Man wird daher nicht umhinkommen, weiter auf
die "Perfektionierung" der Integrationsgemeinschaft hinzuarbeiten.
Dazu dient nicht zuletzt das nun endgültig ins Leben gerufene permanente
gemeinsame Schiedsgericht mit Sitz in Asunción, von dem erwartet
wird, dass es manche Konflikte, die bisher nur auf der politischen Ebene
mit viel Lärm gelöst werden konnten, im Rahmen transparenter
rechtlicher Verfahren regelt.
Auch hat beispielsweise die Parlamentarische Kommission des MERCOSUR,
die aus Parlamentariern der vier Mitgliedsländer besteht, dem MERCOSUR-Rat
(CMC) den Vorschlag für ein Protokoll zur Gründung eines Gemeinschaftsparlaments
mit beschränkten Funktionen vorgelegt. Dieses Projekt ist zwar
noch nicht entscheidungsreif, zeigt aber, dass es bei allen Kontroversen
auch eine Vielzahl gemeinsamer Interessen gibt.
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MERCOSUR – ARTICULOS
Länderberichte | 22. Juli 2004
MERCOSUR-Gipfel – ehrgeizige Projekte, kleinliche
Probleme
Focus Brasilien 09/2004
Autor Wilhelm Hofmeister – Brasilien Thema: Außen- und Sicherheitspolitik |
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